Vom kulturellen Desaster der Sommerzeit und der Entfremdung vom Sternenhimmel
Mit diesem Beitrag begeben wir uns auf die Spuren der MESZ. Dabei geht es weniger um das, was es ohnehin überall zu lesen gibt: unnötig vs. super Sache, bringt nichts vs. bringt viel, Leute sind dagegen oder sind dafür und Biologen und Chronobiologen fordern seit Jahren die Abschaffung. Sondern mehr um die Gedanken, die sich rund um das menschengemachte Abweichen vom Zeitgeber Sonne wohl nur wenige machen. Die, die besonders darunter leiden sind die Sternengucker.

1. Vom Desaster der Entfremdung vom bestirnten Himmel
Als erstes und mit allergrößtem Bedauern sei festgestellt, dass das Vorrücken der Uhr Ende März die Sichtbarkeit des Sternenhimmels eine ganze Stunde nach hinten rückt. Ausgerechnet in der Jahreszeit, in der angenehme Temperaturen Luft auf den bestirnten Himmel machen. Damit geht nicht nur einher, dass beruftstätige Leute bei hellem Himmel ins Bett gehen und Sternenführer/Innen nicht vor 2 Uhr ins Bett kommen. Es ist vor allem ein kulturelles Desaster – die Menschen nehmen die Dunkelheit mit ihren unterschiedlichen Helligkeiten durch Mond und Sterne nur noch in der verhassten Jahreszeit wahr und haben sich m.E. hauptsächlich deshalb vom Sternenhimmel, den natürlichen Abfolgen in der Natur und der Ästhetik der Nacht entfremdet und nehmen sie nur als Last wahr, die es zu beseitigen gilt. Dabei ist doch gerade die Astronomie die „Mutter“ aller Naturwissenschaften. Sie ist die Hüterin der Zeit, teilt den Raum ein, ist Vorreiter technischer Errungenschaften und voller Kunst, Poesie und Inspirationen über alle Kulturen hinweg. Sie erfordert abstraktes Denken, denn vieles von dem, was wir heute wissen entzieht sich unserer alltäglichen Wahrnehmung. PS: Es ist nicht weniger Sommer, wenn man an der Uhr dreht, aber gewiss sehr viel weniger wahrnehmbarer bestirnter Himmel.
Sommerzeit (von Roland Müller): In nur 1 Sekunde reisen wir 15 Längengrade nach Osten bis zum Meridian von St. Petersburg, Kiew und Istanbul. Dort bleiben wir 7 Monate lang. Zeitumstellung nennen wir das.
Präzise Sonnenuhren offenbaren das ganze Ausmaß dieser Zeitreise. Sie zeigen die „Wahre Ortszeit“ (WOZ) ihres jeweiligen Standorts. Ihre 12-Uhr-Mittagsanzeige bei Sonnenhöchststand wurde jahrhundertelang zum Korrigieren weniger exakter mechanischer Uhren genutzt. Die sog. Sommerzeit (MESZ) aber kann von einer WOZ-Uhr, je nachdem, wo diese sich befindet, bis zu 2 Stunden abweichen.
Seit 1884 ist der Globus rundum in 24 Zeitzonen zu je 15 Längengraden eingeteilt; das entspricht je einer Stunde Sonnenlaufzeit bzw. Erdrotation. Für 0 bis 15 Grad Ost gilt die Mitteleuropäische Zeit (MEZ). Sie ist, bezogen auf die jeweils exakte Ortszeit (WOZ, s.o.), ein Durchschnittswert. Die MESZ jedoch ist identisch mit der Zeit, die für 15 bis 30 Grad Ost gilt. Mit ihr verzerren wir die für uns optimale Naturzeit der Sonne extrem. Die wärmsten Tagesstunden verschieben sich weit in den Nachmittag. Reich gefüllte Sternenhimmel entstehen erst kurz vor Mitternacht.

Schon warnen auch Mediziner vor der Einführung der MESZ als Standardzeit (falls mal die Zeitumstellung wegfällt). Noch aber gibt es laut DGC (Deutsche Gesellschaft für Chronometrie e.V.) ca. 20 000 Sonnenuhren im deutschsprachigen Raum. Sie erinnern uns immer wieder an die jeweils wahre Ortszeit, die auch unserer inneren bio-logischen Uhr entspricht. Doch erst am 30.10.2022 dürfen wir – rein zeitlich – aus St. Petersburg, Kiew oder Istanbul zurückkehren und im MEZ-Rahmen mit unserem Lebensstern, der Sonne, wieder synchron „ticken“.
Die meisten sind gegen das „Umschalten“, aber die meisten wollen dann auch bei der „Sommerzeit“ bleiben. Dennoch – es könnte sich wie folgt abspielen, über Jahre hinweg:
1 – es wird letztmals in einem der Jahre Ende März umgestellt (= Sommerzeit auf Dauer)
2 – spätestens im Dezember/Januar merken sehr viele, was das im Winter bedeutet (die Sonne zeigt sich morgens erst ab 9 oder 10 Uhr, Schulkinder müssen bei Nacht zur Schule).
3 – „Man“ versucht, sich dran zu gewöhnen; geht aber auf Dauer nicht.
4 – Erneut wird das „Umschalten“ diskutiert – und diesmal mit Blick aufs Ganze, auch chronobiologisch/medizinisch.
5 – Irgendwer erinnert sich, dass da mal was war, 1894, eine weltweite Einigung auf Zonenzeiten mit Priorität auf möglichst wenig Abweichung von der jeweiligen „Wahren Ortszeit“.
Und dann wird Nr. 5 wieder eingeführt, nach ca. 40-50 Jahren Verirrung.
2. Sommerzeit in Pisa (von Roland Müller)
In dieser wahrhaften Geschichte geht Roland Müller der Frage nach, wie es zur Einführung der Sommerzeit kam und in der Folge zur Schiefe des Turms zu Pisa und warum man sie dem Satan in die Schuhe schiebt: genial.

Sommerzeit in Pisa
Vom Campanile des Doms zu Pisa in der Toskana ist allgemein bekannt, dass ihn die
Herren Pisano in Generationenfolge im 12. Jahrhundert begonnen und im 14. Jahr-
hundert so vollendet haben wie er sich heute zeigt: schief. Die Schiefe sei dem Untergrund geschuldet, heißt es. Doch der wahre Grund ist ein anderer:
Als drei von sieben Stockwerken fertig waren, brach ein Streit über das Anbringen einer Uhr für diesen Turm aus. Die Räderuhr war noch nicht erfunden, und eine Sonnenuhr auf runder Außenwand noch nirgends gebaut. Hinzu kam, dass just um diese Zeit einer der päpstlichen Berater, der für den Computus und damit das korrekte Datum des Osterfestes zuständig war, die Idee einer „Sommerzeit“ verbreitete. Diese sollte es ermöglichen, das klösterliche Mitternachts-
gebet noch bei Tageslicht beginnen zu lassen, wodurch viel teures Wachs für Kerzenlicht eingespart würde.
Unter päpstlicher Mediation einigte man sich schließlich auf eine Sonnenuhr in Form
einer aufgeschlagenen Bibel, die als rechteckige Platte dem runden Turm aufgemauert wurde. In die beiden Bibelseiten gravierte der Steinmetz die Schöpfungsgeschichte mit der Erschaffung der Zeit und ihrer Zeigergestirne am Firmament. Am unteren Buchrand entlang verlief die Zeitskala der Uhr gemäß dem Brauch, die „XII“ als Mittag dem Gnomon genau in der Senkrechten anzubieten.
Der vom päpstlichen Kollegium zugestandene Kompromiss sah nun vor, dass, um die Sommerzeit anzuzeigen, der Turm um eine Skalenstunde nach rechts gekippt werden, im Winter aber wieder in Normalstellung aufgerichtet sein sollte. So würde der Mittagschatten des Gnomons im Sommer die I, im Winter aber die XII markieren.
Und so wurde es gemacht. Groß war die Freude, als zu Mittag am Tag nach Ostern zum ersten Mal der Turm gekippt wurde, bis die Uhr „I“ anzeigte. Als aber ein halbes Jahr später die Normalzeit wieder anstand, ließ sich der Turm nicht mehr aufrichten. Alle Bemühungen waren vergebens, bis zum heutigen Tag. Um den Grund für dieses Missgeschick zu verbergen, wurde die Sonnenuhr entfernt und der Satan im Untergrund für die Misere verantwortlich gemacht.
Zu wünschen bleibt, dass der wahre Grund nicht vergessen und zum Anlass genommen wird, den schiefen Turm von Pisa als Hinweis zu verstehen, was alles schiefgehen kann, wenn Menschen versuchen, in den ewig gleichen Lauf der Zeit mit der Manipulation von Uhren einzugreifen. (Roland Müller, im April 2026)
3. An der Uhr drehen


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