Spatzen: Kunstlicht an, Immunsystem aus?!

Studien zeigen, dass bereits relativ geringe Kunst-Lichtmengen während der Nacht den Schlaf und die Aktivitätsrhythmen von Vögeln verändern und die nächtliche Melatoninproduktion unterdrücken. Bei Haussperlingen wurden zudem Veränderungen der Immunantwort beobachtet. 

Der Haussperling (Passer domesticus) steht in Deutschland bereits seit Längerem auf der Vorwarnliste. Auch die NABU-Zählungen im Rahmen der „Stunde der Gartenvögel“ weisen vielerorts auf rückläufige Bestände hin. Aktuelle Auswertungen der „Stunde der Gartenvögel“ des Naturschutzbundes (NABU) sprechen von drastischen Bestandseinbrüchen. Berlin: Spatz-Bestände gehen drastisch zurück – DER SPIEGEL

Als übliche Ursachen gelten vor allem das Insektensterben und der Verlust geeigneter Lebensräume. Häufig wird dabei jedoch übersehen, dass nächtliches Kunstlicht diese Probleme nicht nur zusätzlich verschärft: durch Straßen- und Gewerbebeleuchtung, deren Licht weit in natürliche und bewohnte Lebensräume wie Gärten hineinreicht, Werbung, angestrahlte Gebäude und leider auch durch „moderne“ LED-Gartenbeleuchtung, Lichterketten in Hecken oder direkt angestrahlte Gebüsche, wo sich die Wohn- und Schlafplätze der Spatzen befinden.

Die Vielzahl an unterschiedlichen Lichtquellen hellt zudem künstlich den Nachthimmel auf. Dieses Himmelsleuchten – auch Skyglow genannt – verstärkt sich bei Bewölkung und wirkt wie ein alles überstrahlendes und sogar weit in die Umgebung reflektierendes Dauerlicht.

Bei bewölktem Himmel wird künstliches Licht besonders stark zurückreflektiert. Das entstehende Himmelsleuchten (Skyglow) hellt die Nacht weiträumig auf und lässt sich nur durch weniger Lichtemissionen in den Kommunen reduzieren. Foto: Carl Herzog

Zunehmend rückt außerdem die Verbreitung von Viren und anderen Krankheitserregern als weiterer Faktor in den Fokus. Auch hierbei spielt künstliches Licht in der Nacht eine bislang unterschätzte Rolle: Studien, unter anderem zum Feldsperling, zeigen, dass Vögel, die nachts künstlichem Licht ausgesetzt sind, Infektionen schlechter verkraften, länger erkrankt bleiben und ein höheres Risiko haben, an den Folgen einer Erkrankung zu sterben:

„Wenn Haussperlinge nachts dem Kunstlicht ausgesetzt sind, können sie Infektionen weniger gut verkraften. Sie sind länger krank, verbreiten die Viren und können sogar leichter daran sterben“, fassen Zoologen die Ergebnisse einer Studie The effects of artificial light at night on Eurasian tree sparrow (Passer montanus): Behavioral rhythm disruption, melatonin suppression and intestinal microbiota alterations – ScienceDirect zum Feldsperling zusammen.

Hintergrund sind folgende Befunde:

  • Künstliches Licht in der Nacht veränderte den zirkadianen Rhythmus der Bewegungsaktivität der Vögel.
  • Künstliches Licht in der Nacht hemmte die Melatonin-Ausschüttung beim Feldsperling (Immunabwehr). Hinweis: Melatonin ist ein zentrales Hormon für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus und spielt zugleich eine wichtige Rolle für die Immunregulation.
  • Die Darmmikrobiota des Feldsperlings wurde durch die Lichtverschmutzung verändert.

Die Auswirkungen nächtlicher Beleuchtung reichen tief in die Physiologie der Tiere hinein. Kunstlicht bringt den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus – den zirkadianen Rhythmus – aus dem Gleichgewicht und verändert wichtige hormonelle Prozesse. So hemmt es die Ausschüttung des Hormons Melatonin, das nicht nur den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert, sondern auch eine wichtige Funktion für die Immunabwehr erfüllt. Darüber hinaus verändert nächtliches Kunstlicht die Zusammensetzung der Darmmikrobiota, die ebenfalls für die Gesundheit und Widerstandskraft von Wildtieren von großer Bedeutung ist.

Auch der Energieverbrauch für nächtliche Beleuchtung darf dabei nicht außer Acht gelassen werden. Solange der dafür benötigte Strom – abhängig vom jeweiligen Strommix – teilweise aus Kohle- und Gaskraftwerken stammt, verursacht künstliches Licht zusätzliche Treibhausgasemissionen und trägt damit zur Erwärmung des Klimas bei. Die zunehmende Erwärmung verändert wiederum Lebensräume und ökologische Bedingungen und begünstigt die Ausbreitung und Übertragung vieler Krankheitserreger, darunter auch Viren. Lichtverschmutzung wirkt somit nicht nur unmittelbar auf die Physiologie und Gesundheit von Wildtieren, sondern verschärft über ihren Energiebedarf auch die Klimabelastung.

Lichtverschmutzung beeinflusst daher Verhalten, Hormonhaushalt, Immunsystem und Krankheitsanfälligkeit von Wildtieren. Ihre Auswirkungen sind weitaus tiefgreifender, als vielen Menschen bewusst ist. Dennoch wird künstliches Licht als Faktor beim Rückgang der Spatzenpopulationen und grundsätzlich der Artenvielfalt bislang kaum berücksichtigt.

Es fällt uns Menschen kaum auf, dass auch wir selbst auf Dunkelheit angewiesen sind, um uns zu erholen – und diese Dunkelheit ganz selbstverständlich in Anspruch nehmen, indem wir beispielsweise Rollläden schließen. Für Tiere in Gärten, Parks und anderen Lebensräumen gibt es diese Rückzugsmöglichkeit jedoch nicht. Jede Lampe weniger zählt!

Auch im ländlichen Raum ist der Nachthimmel stark künstlich aufgehellt. Foto: A. Mötzung

ZUSAMMENFASSUNG :

Jede Lampe weniger zählt: Kunstlicht an, Immunabwehr aus bei Sperlingen

Der Spatz (Passer domesticus) steht in Deutschland schon länger auf der Vorwarnliste, und aktuelle NABU-Zählungen im Rahmen der „Stunde der Gartenvögel“ bestätigen drastische Bestandseinbrüche. Als Hauptursachen gelten üblicherweise Insektensterben und Lebensraumverlust.

Dabei wird jedoch oft übersehen, dass nächtliches Kunstlicht – etwa durch in Gärten eindringende öffentliche Beleuchtung, Werbung, angestrahlte Gebäude, die stark reflektieren, leider auch „moderne“ LED-Gartenbeleuchtung, Lichterketten oder angestrahlte Hecken – beide Phänomene erheblich verschärft. Durch die Vielzahl an künstlichen Lichtquellen entsteht der sog. Skyglow, der den Nachthimmel zusätzlich weiträumig innerhalb der Siedlungsbereiche aufhellt und in die Umgebung reflektiert.

Neuerdings rückt zudem die Verbreitung von Viren als weitere Ursache in den Fokus. Auch hier spielt Kunstlicht eine oft nicht bedachte und daher tragisch unterschätzte Rolle: Laut einer Studie zum Feldsperling verkraften Vögel, die nachts künstlichem Licht ausgesetzt sind, Infektionen schlechter, sind länger krank und sterben eher daran. Grund dafür ist, dass Kunstlicht den zirkadianen Rhythmus der Vögel stört. Zudem hemmt es die Melatonin-Ausschüttung, die für die Immunabwehr wichtig ist. Darüber hinaus verändert nächtliches Licht die Darmmikrobiota der Tiere. Insgesamt zeigt sich damit, dass Lichtverschmutzung aufgrund dieser Eingriffe in die Physiologie von Wildtieren ist. Um den Bestand zu schützen, müsste dieser Zusammenhang stärker berücksichtigt und den Menschen verdeutlicht werden.

Jede Lampe weniger zählt – auch bei uns in der Rhön. Artensterben ist eine Sicherheitsgefahr – nicht nächtliche Dunkelheit.

Quellen:

(2026) : Schon geringe künstliche Lichtmengen lösen starke biologische Reaktionen aus: „Die stärksten Veränderungen traten im Bereich unter einem Lux auf, also bei weniger als 1 lx. .. Dieses Muster zeigte sich übereinstimmend bei verschiedenen Organismengruppen – Fischen, Vögeln, Insekten und Pflanzen – sowie bei unterschiedlichen Prozessarten. Eine eindeutige Gruppierung nach Tier- beziehungsweise Pflanzenart oder Funktion wurde nicht festgestellt. Die Ähnlichkeit der Reaktionsverläufe weist auf eine möglicherweise allgemeingültige Empfindlichkeit gegenüber schwachem künstlichem Licht hin. Wahrscheinlich hängt sie mit grundlegenden Eigenschaften der Physiologie von Photorezeptoren zusammen.“ Universal dose–response sensitivity of ecological processes to low levels of artificial light at night – ScienceDirect

Eine Studie zu Feldsperlingen zeigte unter künstlichem Nachtlicht einen veränderten Aktivitätsrhythmus, unterdrücktes Melatonin und Hinweise auf Veränderungen der Darmmikrobiota; die Tiere wurden früher aktiv und ruhten später – also mit einer verkürzten Ruhe-/Schlafphase. The effects of artificial light at night on Eurasian tree sparrow (Passer montanus): Behavioral rhythm disruption, melatonin suppression and intestinal microbiota alterations – ScienceDirect


Eine experimentelle Studie setzte Haussperlinge nachts 5 Lux warmweißem Licht aus – ungefähr in der Größenordnung einer Straßenbeleuchtung. Das Licht unterdrückte die nächtliche Melatoninproduktion deutlich und beeinflusste die antivirale Immunantwort; die Autoren sehen darin einen plausiblen Zusammenhang zwischen künstlichem Licht, Melatonin und Immunregulation. Broad-spectrum light pollution suppresses melatonin and increases West Nile virus–induced mortality in House Sparrows (Passer domesticus) | Ornithological Applications | Oxford Academic

(2025) Mehr Licht in der Nacht – weniger Vogelnachwuchs UPDATE – Wildes Bayern e.V. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass künstliches Licht in der Nacht messbare physiologische Effekte hat. Nestlinge, die dem Licht ausgesetzt waren, wiesen im Durchschnitt rund 49 Prozent niedrigere Melatoninwerte auf als Nestlinge aus dunklen Nächten. Melatonin ist ein zentrales Hormon für die Steuerung des Tag-Nacht-Rhythmus und spielt zugleich eine wichtige Rolle für die Immunregulation. Exposure to artificial light at night alters innate immune response in wild great tit nestlings – PMC

Eine aktuelle Metaanalyse von 2026 über 36 Studien und 30 Vogelarten kommt zu dem Ergebnis, dass künstliches Nachtlicht konsistent physiologische und Verhaltensänderungen verursacht, insbesondere weniger Schlaf, höhere Stoffwechselaktivität und verlängerte tägliche AktivitätszeitenArtificial Light at Night Consistently Impacts Avian Physiology and Behaviour: A Meta‐Analysis – Diaz‐Palma – 2026 – Ecology Letters – Wiley Online Library

Daraus:

"Künstliches Licht in der Nacht (ALAN) stellt einen bedeutenden anthropogenen Druck auf alle Lebewesen dar. Während ALAN bei Insekten und Reptilien zu Populationsrückgängen führt, entziehen sich Vögel einfachen Mustern. Die Reaktionen von Vögeln auf ALAN variieren in Richtung und Ausmaß, doch die Folgen dieser Reaktionen für ihre Fitness sind noch nicht vollständig geklärt. Wir führten eine Metaanalyse durch, um zu untersuchen, ob ALAN die Physiologie, das Verhalten und die Lebenszyklen von Vögeln verändert. Dazu analysierten wir 675 Effektstärken aus 36 Studien an 30 Arten. Wir fanden konsistente physiologische und Verhaltensänderungen unter ALAN, während die Merkmale des Lebenszyklus unbeeinflusst blieben. ALAN beeinträchtigte die Physiologie durch reduzierten Schlaf, einen höheren Stoffwechsel und eine beschleunigte Geschlechtsreife. Das Verhalten wurde durch eine verlängerte Tagesaktivität mit früherem Beginn, späterem Ende sowie erhöhter nächtlicher Aktivität und verstärkter Nahrungssuche beeinflusst. Subgruppenanalysen zeigten stärkere ALAN-Effekte bei Zugvögeln im Vergleich zu Standvögeln und waren bei adulten Tieren und Weibchen ausgeprägter als bei Nestlingen und Männchen. Aktivitätsveränderungen, beschleunigte Alterung und Schlafstörungen wurden durch helleres Licht verstärkt." 

Krankheiten bei Vögel: Krankheiten bei Vögeln – NABU Baden-Württemberg

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